| |
Eine neue Geschichte zu beginnen, ist immer sehr aufregend, denn auch wenn ich mir die Handlung und die Personen vorher ganz genau ausdenke, passiert dann in der Geschichte bei Weitem nicht alles so, wie ich mir das vorher vielleicht überlegt habe. Es kommt immer wieder vor, dass die Figuren meine Pläne gehörig auf den Kopf stellen, und dann sind sie es, die mir sagen, wie die Geschichte weitergeht.
Da ich mich beim Schreiben eine lange Zeit mit meinen Figuren beschäftige, wachsen sie mir über die Dauer des Schreibens mit all ihren Eigenheiten ganz schön ans Herz. Deshalb ist es auch nicht leicht, die Figuren am Schluss der Geschichte wieder zu verabschieden. Ein Buch zu beenden ist deshalb immer mit ein bisschen Wehmut verbunden. Aber ganz sicher sind Paul, Jule, Valeska, Frau Dentelly, Leo, Paula, Feli, Pim, Tante Affrica ... und all die anderen, längst wieder irgendwo in der Geschichtenwelt und langweilen sich kein bisschen 
Wie eine neue Geschichte entsteht
am Beispiel von „Der Sommer, als wir reich wurden“
Es ist Wochenende. Trotzdem klingelt der Wecker um halb sieben. Nein, kein Irrtum, ich hab ihn am Abend zuvor selbst so früh gestellt. Ein bisschen schräg ist das schon, ich weiß, aber ich kann nun mal am besten früh morgens schreiben. Wenn draußen vor dem Fenster die Welt ganz neu aussieht und alle im Haus noch schlafen. 
Statt Frühstück gibt es bloß einen Cappuccino, aber der muss sein. Schnell ins Bad, das muss auch sein, und dann ab an den Schreibtisch. Auf Zehenspitzen schleiche ich die alte Holztreppe hoch in mein Zimmer. Die fünfte und die neunte Stufe lasse ich aus, sie knarzen, und ich möchte niemanden wecken.
Heute will ich eine neue Geschichte beginnen. Ich bin schon ganz kribbelig, aber die ersten Minuten ist es immer dasselbe, ich habe das Gefühl, mir wird nichts einfallen. Alles leer in meinem Kopf. Hilfe, niemals wird ein Buch daraus!
Doch da ist diese Tante, die mich schon länger beschäftigt - ziemlich reiselustig, ziemlich abergläubisch und ziemlich verrückt. Sie kam mir vor ein paar Wochen in den Sinn. Es schneite und ich schrieb gerade eine Sommerferien-Geschichte, in eine Wolldecke gewickelt, und sehnte mich in den warmen Süden. Da klopfte sie mir auf die Schulter: Tante Affrica. Affrica mit zwei f und c – kein Schreibfehler! - allein deshalb ahnt man schon, dass sie … nun ja, anders ist.
Ich reise immer dorthin, wo es mir gefällt, sagte sie. Wie kannst du dir das leisten?, fragte ich, denn mein Konto gab gerade mal einen Zelturlaub im eigenen Garten her. Ich hab eine Erbschaft gemacht, sagte sie geheimnisvoll lächelnd. Wie traurig, antwortete ich. Sie winkte ab. Keine Sorge, es ist niemand, den ich kenne. Ich habe eine Erbschaft im Internet ersteigert …
Ihr merkt: Tante Affrica ist wirklich verrückt. Aber eben wunderbar verrückt. Ich hätte früher gerne so eine Tante gehabt. Ich hätte immer noch gerne so eine Tante! Und hier stand sie vor mir, ich hatte sie mir gerade ausgedacht.
Nun, und weil so eine Tante natürlich eine Nichte braucht, sonst hätte sie als Tante nicht viel zu tun, habe ich mir auch noch Pim ausgedacht. Pim, die mit ihrem Papa in einem kleinen alten Häuschen lebt, mit einer ähnlich knarzenden Treppe wie die in unserem Haus. Und plötzlich wusste ich, wer unbedingt noch zu diesen Dreien gehört: Frau Dentelly, das genaue Gegenteil von Tante Affrica und ihres Zeichens absolut unsichtbar (zumindest für jeden außer Pim).
Ich kenne Frau Dentelly gut. Vor etwa 13 Jahren lebte sie nämlich bei uns. Meine älteste Tochter war damals vier oder fünf und Frau Dentelly begleitete sie immer und überallhin. Irgendwann zog die unsichtbare Dame weiter, vermutlich zu einem Kind, das sie gerade dringender brauchte.
Aber jetzt war sie wieder hier, in meinem Kopf und in dieser Geschichte.
Tja, im warmen Süden bin ich deshalb natürlich immer noch nicht, trotzdem habe ich eine aufregende Reise vor mir. Nämlich die Geschichte um Pim, Papa, Tante Affrica und Frau Dentelly, die mit der Urne eines Verstorbenen aufbrechen, um dessen letzten Willen zu erfüllen, und um unendlich reich zu werden. Und jetzt will ich endlich anfangen, die Geschichte zu schreiben – ich freue mich unglaublich auf dieses Abenteuer! Schnell noch einen Schluck Cappuccino, die Finger auf die Tastatur und los geht’s!

Ein paar Stunden später fliegt meine Zimmertür auf. Erscheint jetzt etwa Frau Dentelly?!! Nein! Eine sehr sichtbare junge Dame, meine jüngste Tochter, holt mich zum Früh-, nun ja, zum Spätstück, denn mittlerweile ist es elf Uhr.
Illustrationen © Heike Herold
|
|