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Interviews & so

Wie eine neue Geschichte entsteht -
am Beispiel von „Der Sommer, als wir reich wurden“

Es ist Wochenende. Trotzdem klingelt der Wecker um halb sieben. Nein, kein Irrtum, ich hab ihn am Abend zuvor selbst so früh gestellt. Ein bisschen schräg ist das schon, ich weiß, aber ich kann nun mal am besten früh morgens schreiben. Wenn draußen vor dem Fenster die Welt ganz neu aussieht und alle im Haus noch schlafen. 

Statt Frühstück gibt es bloß einen Cappuccino, aber der muss sein. Schnell ins Bad, das muss auch sein, und dann ab an den Schreibtisch. Auf Zehenspitzen schleiche ich die alte Holztreppe hoch in mein Zimmer. Die fünfte und die neunte Stufe lasse ich aus, sie knarzen, und ich möchte niemanden wecken.

Heute will ich eine neue Geschichte beginnen. Ich bin schon ganz kribbelig, aber die ersten Minuten ist es immer dasselbe, ich habe das Gefühl, mir wird nichts einfallen. Alles leer in meinem Kopf. Hilfe, niemals wird ein Buch daraus!

Doch da ist diese Tante, die mich schon länger beschäftigt - ziemlich reiselustig, ziemlich abergläubisch und ziemlich verrückt. Sie kam mir vor ein paar Wochen in den Sinn. Es schneite und ich schrieb gerade eine Sommerferien-Geschichte, in eine Wolldecke gewickelt, und sehnte mich in den warmen Süden. Da klopfte sie mir auf die Schulter: Tante Affrica. Affrica mit zwei f und c kein Schreibfehler! - allein deshalb ahnt man schon, dass sie … nun ja, anders ist.

Ich reise immer dorthin, wo es mir gefällt, sagte sie. Wie kannst du dir das leisten?, fragte ich, denn mein Konto gab gerade mal einen Zelturlaub im eigenen Garten her. Ich hab eine Erbschaft gemacht, sagte sie geheimnisvoll lächelnd. Wie traurig, antwortete ich. Sie winkte ab. Keine Sorge, es ist niemand, den ich kenne. Ich habe eine Erbschaft im Internet ersteigert …

Ihr merkt: Tante Affrica ist wirklich verrückt. Aber eben wunderbar verrückt. Ich hätte früher gerne so eine Tante gehabt. Ich hätte immer noch gerne so eine Tante! Und hier stand sie vor mir, ich hatte sie mir gerade ausgedacht.

Nun, und weil so eine Tante natürlich eine Nichte braucht, sonst hätte sie als Tante nicht viel zu tun, habe ich mir auch noch Pim ausgedacht. Pim, die mit ihrem Papa in einem kleinen alten Häuschen lebt, mit einer ähnlich knarzenden Treppe wie die in unserem Haus. Und plötzlich wusste ich, wer unbedingt noch zu diesen Dreien gehört: Frau Dentelly, das genaue Gegenteil von Tante Affrica und ihres Zeichens absolut unsichtbar (zumindest für jeden außer Pim).

Ich kenne Frau Dentelly gut. Vor etwa 13 Jahren lebte sie nämlich bei uns. Meine älteste Tochter war damals vier oder fünf und Frau Dentelly begleitete sie immer und überallhin. Irgendwann zog die unsichtbare Dame weiter, vermutlich zu einem Kind, das sie gerade dringender brauchte. Aber jetzt war sie wieder hier, in meinem Kopf und in dieser Geschichte.

Tja, im warmen Süden bin ich deshalb natürlich immer noch nicht, trotzdem habe ich eine aufregende Reise vor mir. Nämlich die Geschichte um Pim, Papa, Tante Affrica und Frau Dentelly, die mit der Urne eines Verstorbenen aufbrechen, um dessen letzten Willen zu erfüllen, und um unendlich reich zu werden. Und jetzt will ich endlich anfangen, die Geschichte zu schreiben – ich freue mich unglaublich auf dieses Abenteuer! Schnell noch einen Schluck Cappuccino, die Finger auf die Tastatur und los geht’s!

Ein paar Stunden später fliegt meine Zimmertür auf. Erscheint jetzt etwa Frau Dentelly?!! Nein! Eine sehr sichtbare junge Dame, meine jüngste Tochter, holt mich zum Früh-, nun ja, zum Spätstück, denn mittlerweile ist es elf Uhr.

 

                                                                                                         Illustrationen: © Heike Herold, Fotos: © privat

 

Interview zum Bilderbuch „Nie mehr Wolkengucken mit Opa?“
von Heinke Schöffmann, Gabriel Verlag

Liebe Frau Baumbach, ist es schwer über den Tod zu schreiben, vor allem
in einem Bilderbuch für kleinere Kinder?

Kinder und Tod, das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Mir war es wichtig, mich Lilli beim Schreiben sehr einfühlsam, aber auch aufrichtig zu nähern. Kleine Kinder wachsen ja normalerweise zunächst  in einer Welt ohne Tod auf. Vielleicht begegnen sie dem Tod das erste Mal, wenn sie eine tote Maus oder einen überfahrenen Igel auf dem Weg finden. Das ist traurig, doch relativ rasch verwindbar. Wenn aber plötzlich ein Familienmitglied fehlt, ist das für kleine Kinder gar nicht zu begreifen. Da ist eine Bezugsperson, die das Kind liebevoll begleitet, ganz wichtig. Ich hoffe, dass mein Buch dabei hilft, gemeinsam über das Unbegreifliche ins Gespräch zu kommen.

Lilli hat ganz verschiedene  und gegensätzliche Gefühle. Wollen Sie Kindern damit zeigen, dass Menschen auf unterschiedliche Weise mit dem Tod umgehen?
Trauer ist ein Prozess und eine gesunde, lebensnotwendige und auch kreative Reaktion. Wir begleiten Lilli, wie sie nach und nach verschiedene Phasen der Trauer und deren Bewältigung  durchlebt und ihr auch Rituale dabei helfen. Zuerst mal spürt Lilli große Verwirrung. Mal ist sie wütend, mal traurig, mal tapfer und dann wieder sehr verwundbar. Ihr Umgang mit Trauer zeigt den Lesern oder Zuhörern, dass verschiedene Reaktionen auf Trauer in Ordnung sein und passen können. Als Lilli zum Beispiel einmal über etwas lachen muss und darüber erschrickt, erfährt sie, dass Trauer aufrichtig bleibt, auch wenn man zwischendurch mal fröhlich ist.

Lilli hat auch viele Fragen und ist unsicher. Erwachsene wissen, dass die Zeit Trauer verändert und abmildert.  Ist das erste Abschiednehmen von einem geliebten Menschen das schwerste?
Kinder empfinden ganz unmittelbar und können sich nicht damit trösten, dass Trauer ein Prozess ist. Wenn der Schmerz jäh und hinterrücks über sie hereinbricht, ist es ganz wichtig, jemanden zu haben, mit dem sie über ihre Fragen reden können. Geschichten und Bilder können dabei helfen, Tod und Trauer zu begreifen. Im Moment des Betrachtens eines Bilderbuchs  geschieht ein Wiedererkennen der eigenen Situation, eine Identifikation. Ich finde es wichtig, Worte und Bilder für seine Gefühle zu haben. Worte und Bilder, die entweder akut helfen können - eben schon beim ersten Betrachten - oder sich in der Erinnerung festsetzen und wachgerufen werden, wenn man sie braucht.

Haben Sie als Kind jemanden zum Wolkengucken gehabt?

Ja, meine Oma. Unermüdlich erzählten wir uns gegenseitig Geschichten. Das war die Welt, die uns verband, sie war nämlich fast blind. Wolkengucken ist eben auf viele Weisen möglich.


Dieses Interview wurde von Münchner Kinderreportern aus Einrichtungen des Netzwerks Leseförderung geführt und erschien im Literaturmagazin "Über die Schulter geschaut ... Kinder besuchen Münchner Autoren, Illustratoren und andere Büchermacher", einem Sonderheft des "Spitzer"
 
„Haben Sie am Wochenende frei? Klauen Sie manchmal Ideen?
Wer kontrolliert Ihre Bücher?“


Martina Baumbach, 1969 geboren, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Starnberg in einem kleinen Häuschen im Wald und schreibt und erfindet Geschichten an ihrem Lieblingsplatz: einem gemütlichen Zimmer unterm Dach.  Weil darin keine ganze Schulklasse Platz hat, besuchten wir sie nicht daheim, sondern die Schriftstellerin kam zu 31 wissbegierigen Schülerinnen und Schülern in die Balthasar-Neumann-Realschule, mit einer Kiste voller Bücher und Fotos auf einem USB-Stick.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis das Buch „Der Sommer, als  ich reich wurde“ fertig war?
Von der ersten Idee bis zum letzten Wort etwa 6 Monate.

Wie viele Bücher haben Sie schon geschrieben?
20 oder 24*). Ein paar sind auch in andere Sprachen übersetzt worden. Aber erst 17 sind veröffentlicht. Außer mir arbeiten ja noch der Illustrator oder die Illustratorin, das Lektorat, die Korrektoren und Umschlaggestalter im Verlag, die Buchdrucker und Buchbinder, Verlagsvertreter und Buchhändler an dem Buch. Nachdem ich den letzten Satz der Geschichte geschrieben habe, dauert es manchmal noch eineinhalb Jahre, bis das Buch dann in der Buchhandlung oder in der Bücherei steht.
*) inzwischen sind es ein paar mehr :-)

Fühlen Sie sich nicht einsam an Ihrem Schreibtisch auf dem Dachboden?
Überhaupt nicht. Vier Stunden beim Ausdenken und Schreiben vergehen so schnell wie sonst eine Stunde. Da bin ich eigentlich ganz froh, wenn niemand stört und ich meine Ideen beisammen halten kann. Aber es ist immer ein ganz wunderbares Erlebnis für mich, in Schulen oder Kindergärten zu fahren und dort mit den Kindern über meine Arbeit oder über alles mögliche andere zu reden.

Haben Sie am Wochenende frei oder müssen Sie da auch Bücher schreiben?
Ich hab ja keinen Chef, sondern arbeite selbständig. Da teile ich mir die Arbeit selber ein.  „Ist doch cool“, denkt ihr jetzt sicher, „wenn sie keine Lust hat, muss sie auch nicht arbeiten!“ Aber mal abgesehen davon, dass ich eigentlich faaast immer Lust aufs Schreiben und Geschichtenerfinden habe, verlangt der Beruf der Schriftstellerin natürlich Disziplin, denn ich muss ja meinen Vertrag erfüllen und rechtzeitig fertig werden.

Haben Sie schon mal einen Abgabetermin versäumt?
Meistens weiß ich mindestens ein Jahr im Voraus, wann ich den fertigen Text abgeben soll. Dieser Termin ist wichtig, weil so viele Menschen an einem Buch beteiligt sind und sich abstimmen müssen. Einmal war ich krank und konnte beim besten Willen nicht an den Schreibtisch – da habe ich etwas Aufschub bekommen.

Wie sind Sie auf die Namen, z.B.  „Tante Affrica“ und „Frau Dentelly“, gekommen?
„Frau Dentelly“ hat mal drei Wochen lang bei uns gewohnt. Da war unsere Tochter fünf Jahre alt und für ihre unsichtbare Freundin hat sie immer ein eigenes Kissen und einen Extra-Teller auf dem Tisch verlangt... „Affrica“ hab ich tatsächlich in einem Vornamenbuch gefunden, für eine besonders reisefreudige Person. Passt doch, oder?

Wer kontrolliert Ihre Bücher?
Meinst du korrigiert? Erst mal erledige ich das selber am Computer. Und dann gibt es eine besondere Art der Zusammenarbeit zwischen mir und meiner Lektorin im Verlag. Sie „kontrolliert“ dann noch einmal, ob die Geschichte stimmt und alle Einzelheiten richtig zusammenpassen.

Haben Sie manchmal Tage, wo Ihnen nichts einfällt?

Ja, die gibt's, aber ich habe einen „Nachdenk-Sessel“ und wenn ich dort sitze, kann ich die Geschichte, an der ich arbeite, oft wieder viel klarer überblicken  - oder es kommt eine ganz neue Idee. Auch Spazierengehen oder eine Tasse heißer Kakao kann helfen. Und ich hab angefangen, Cello zu lernen. Dabei entwirren sich die Gedankenknoten im Kopf am besten.

Sie lesen viel, klauen Sie manchmal Ideen von anderen Autoren?
Natürlich nicht, klauen geht gar nicht! Nur gespickt habe ich schon mal … in der Schule, aber das ist schon eine Weile her :-)

Oder wurde Ihnen schon mal eine Idee geklaut?

Nein. Es gibt so viele Geschichten auf der Welt und wenn es hunderte Geschichten zu einem bestimmten Thema - zum Beispiel „Mut“ oder „Außenseiter“ oder „Glück“ - gibt, so ist doch jede anders erzählt.

Wie hieß Ihr erstes Buch, wie alt waren Sie da und haben Sie schon mal einen Preis gewonnen?
Mein erstes Buch hieß „Paul zieht aus“. Da war ich 35 Jahre alt. Mein zweites Buch, „Jule bärenstark“, hab ich im selben Jahr zu einem Wettbewerb eingeschickt. Dann hab ich lange nichts mehr davon gehört und die Sache schon fast vergessen. Aber nach fünf Monaten kam dann plötzlich ein Anruf: Sie haben gewonnen! Juhu!

Welches der Bücher, die Sie geschrieben haben, ist Ihr Lieblingsbuch?
Mein allererstes und immer auch das, an dem ich gerade arbeite … ach, eigentlich alle. :-))


Das Interview führten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5a
der Balthasar-Neumann-Realschule in Begleitung von drei Lesefüchsen.

Protokoll: Nur, Dilara, Aranit, Michael und Lore Schultz-Wild.

Hier könnt Ihr Euch das komplette Heft als pdf ansehen (Website der Münchner Kinderzeitung)



© 2017 Martina Baumbach